• Folge uns auf

Wintergravel

Was ziehe ich alles an? Wo fahre ich hin? Welche Wege sind befahrbar? Wann wird es dunkel? Muss ich Licht mitnehmen? Sind die Akkus geladen? Wie lange halte ich es in der Kälte aus? Muss ich das Fahrrad wirklich danach putzen? Anstrengend, woran man beim Graveln im Winter alles denken muss. Es ist eine Hassliebe. Man will raus und graveln, kann sich aber gleichzeitig nur schwer vom Sofa aufrappeln. Besonders, wenn man keinen Rollentrainer besitzt und nicht die Wahl hat zwischen "warmes Wohnzimmer" oder "kaltes, nasses und graues Irgendwas“. Wenn ich aufs Rad will, muss ich raus und zwar schnell, bevor ich überhaupt ins Grübeln gerate.

Trinken abfüllen, Riegel schnappen, Rad kurz abchecken und dann geht der Spaß erst richtig los. „Layering is the key“ wie es bei Instagram so schön heißt, also ziehe ich meine drei Millionen Schichten an. 2 Paar Socken - dazwischen eine Plastiktüte, damit die Füße länger warm bleiben - dann rein in die Schuhe, kurz eine mittelschwere Krise bekommen, weil alles viel zu eng ist und verrutscht, am Ende den Überschuh darüber und fertig. 2 Paar Handschuhe an und es kann los gehen!

Während ich fahre, schwirren die verschiedensten Gedanken in meinem Kopf herum. Von „Boah, ist das schön!“ über „Ich spüre meine Hände nicht mehr“, bis hin zu „Wieso tue ich mir das an?“ Weiter als 50-60 km fahre ich zurzeit nicht, da mir alles darüber hinweg zu anstrengend ist. Die Pausen sind stressig. Ich beiße mir die Zähne am harten Riegel aus, nehme einen Schluck eiskaltes Wasser, versuche dabei die schöne Landschaft zu genießen, während meine Finger immer weiter erfrieren. Handschuh ausziehen, wieder anziehen. Oh, ich muss nochmal die Route checken, also Handschuh wieder aus. Die ersten Kilometer nach der Pause sind immer hart, weil der Körper schon bei 5 Minuten Pause auskühlt, egal wie sehr man hin und her tippelt.

Warum mich trotz dieser kleinen und großen Problemchen nichts vom Wintergraveln abhalten kann? Ganz einfach. Am Ende überwiegt eindeutig das Gefühl „Boah, ist das schön!“ und ist schuld daran, dass ich immer wieder losfahre. Mir gefällt der Gedanke, zu wissen, dass die meisten Menschen vermutlich gerade drinnen im Warmen sitzen und ich mich freiwillig durch die Kälte und im schlimmsten Fall noch durch den Wind und Regen kämpfe. Jedes Wetter hat seine Vorzüge und bei diesem ist es eindeutig die Einsamkeit auf den Wegen, das Zwitschern der Vögel, der Wind in den Bäumen, der Geruch vom Nadelwald... Es bedeutet jedes Mal aufs Neue, mich aus meiner Komfortzone zu bewegen. Bereut habe ich es währenddessen noch nie.

Reue kommt meist erst, wenn ich in meiner warmen Wohnung ankomme und sehe, wie mein Rad und ich aussehen. Erst dann frage ich mich, ob all das es wert war, ein paar Stunden draußen im Matsch unterwegs zu sein, um danach die gleiche Zeit mit Putzen zu verbringen. Und meine Antwort ist immer: Ja. Definitiv.

Radeln bedeutet Freiheit – und die möchte ich mir auch im Winter nicht nehmen lassen.


  • Text: Sarah